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Verantwortung (Eintrag 8578)
Eintrag abgeschickt von kleineBlume Mail an kleineBlume am 21.06.09 um 14:19 Uhr:


Hallo Wüstenblume,

genau das "Verantwortung übernehmen" ist ein Problem. Ich weiß selbst nicht so genau wo ich da stehe.
Einerseits finde ich es gut und richtig als erwachsen gewordenes Kind die Verantwortung für meine alt gewordenen Eltern zu übernehmen, die ja auch die Verantwortung für mich trugen, als ich klein war, und sich ebenfalls ganz schön einschränken mußten deshalb. Es ist -oder sollte sein- irgendwie "natürlich". Geben und Nehmen im Einklang.

Unsere und meine heutige Lebensweise steht mir da aber im Weg, in meinem Fall allein wegen der räumlichen Entfernung. Vor allem aber -wie Du schreibst- der Wunsch nach Individualität und Unabhängigkeit. Ich kann, will und werde nicht mein ganzes eigenes Leben aufgeben, um die zwei zu pflegen, wenn es so weit ist. Aber ist das richtig und gut? Ich kann nur sagen ja UND nein.
Ich bin vor allem für MEIN eigenes Leben verantwortlich! Familiäre Verpflichtungen stehen da - offensichtlich - hinten an. Leider. Und was ist wenn ich selbst so weit bin, alt werde... ? Ich habe leider (und zum Glück) keine Kinder und das wird sich voraussichtlich auch nicht ändern...

Die geschichtliche Entwicklung ist überaus interessant... und -aus heutiger Perspektive- schwer nachzufühlen. Ich will und brauche meinen eigenen Rückzugsraum, mein "privates", kann mir nicht vorstellen alles (und wirklich ALLES) vor und unter den Augen der restlichen Bewohner - oder auch nur der Familie zu leben.
Oder sind wir da heute einfach nur ... verklemmt? Wenn ich es nicht anders kennen würde - ...?

Die viel intensiveren (weil lebensnotwendigen) Bindungen der früheren Familie oder auch größeren Gemeinschaft bringen natürlich eine riesige Verpflichtung mit sich.
Aber warum empfinden wir das heute als "erdrückend"??? Es ist -wie fast alles- eine Frage der Perspektive. Ich könnte ja auch sagen: Das gibt mir Sicherheit (für das eigene Alter), Halt (eines anderen sozialen Netzes), intensivstes Gemeinschaftsgefühl... usw. Was ist so schlimm daran eben KEIN absolut unabhängiges Individuum zu sein, sondern... Teil ... einer HERDE, eines Rudels...? (huch!)
Bei dem Gedanken gehe ich selbst direkt auf Abwehr, alles Mitläufer, die kritiklos mit dem Strom schwimmen ohne ihre Blickwinkel zu überprüfen!????
Blödsinn.

Ich lerne -wenigstens was das RL betrifft- erst im letzen Jahr Freundschaft zu zu lassen, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, ohne reflexartig in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Vertrauen. Meine schwachen Seiten ein bischen zeigen.
Es ist wunderschön nicht mehr alleine zu sein. Ich möchte nie wieder so einsam leben zwischen Menschen, Freunden, Familienangehörigen, Partnern, wie in einem alten Abschnitt meines Lebens, als im RL niemand auch nur in die Nähe meiner selbstgebauten Mauern kommen durfte.

Ich lebe übrigends selbst -ebenfalls seit einem Jahr- in einer von Dir angesprochenen "generationsübergreifenden Lebensgemeinschaft", die wie ich finde ganz gut funktioniert.
Ein großes Haus, das einem 82 jährigen Mann gehört, alzheimer- und demenzkrank. Seine Freundin, die ihn seit 15 Jahren pflegt, selbst schon über siebzig. Die Zwei vermieten in dem Haus einzelne Zimmer, zur Zeit an eine 21-jährige Studentin und an mich, wir helfen beim Putzen, Einkaufen usw. und es ist ggf. immer jemand da, obwohl die Lebensräume bis auf das Bad ganz klar getrennt sind. Jeder für sich, trotzdem irgendwie alle zusammen.

"Wahlverwandtschaft" kenne ich von meiner Schwester. Sie hat in Österreich eine "neue Familie" gefunden, sagt Mama und Papa zu ihnen und ist glücklich, weil all die unangenehmen Emotionen unserer "echten" Familie nicht auftauchen. Sie hat unsere Eltern aufgegeben, den Kontakt endgültig und unwiderruflich gekappt.
Ist das eine "Problemlösung", nur weil das Problem für sie nicht mehr auftaucht?

Beide Modelle sind doch eher die Ausnahme. Die "Zerstreuung" wie Du sie nennst, schreitet rasant voran. Wohin? Ich weiß es nicht, und ein eisiger Klumpen in meinem Bauch behauptet, daß ich das auch lieber noch gar nicht wissen will.
Gleichzeitig ist diese Zerstreuung nur ein kleiner Aspekt oder auch eine Konsequenz der großen Tendenzen unserer ach so weit entwickelten Gesellschaft, die konsequent und immer schneller in eine Richtung eilt, irgendwann an sich selbst kollabieren muß, kann, wird.

Und dann?

Ich treffe aber auch immer öfter Menschen, die sich gegen den Strom stellen, eigene Wertmaßstäbe berücksichtigen, Ideale außerhalb von "mein Haus, mein Auto, mein Boot" schätzen. Menschen, die fühlen, denken und lachen nicht verlernt haben.

Es wird alles gut - das wünsche ich mir ganz fest.

Alles Liebe
eine kleine Blume



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Level(Tiefe) 0 Eine Frage zum Familienleben... - kleineBlume   12.05.09   17:11   (8564) ... Auf DIESEN Beitrag antworten. Damit wird die Antwort DIESEM hier untergeordnet, statt dem aktuellen obenZum SeitenbeginnDiesen Beitrag als gelesen kennzeichnenDiesen Beitrag mit einem Merker versehen
Hallo alle zusammen,

derzeit beschäftigt mich eine Frage:
Warum sind (in Deutschland) viele Familien so zerrissen???

Der Hintergrund:
Ich freunde mich gerade mit einem Arbeitskollegen an, dieser ist Türke und seine Familie und seine Kinder sind absolut sein Leben. Etwas Wichtigeres gibt es für ihn nicht.

Er hat mich gefragt, was mit den deutschen Familien los ist.

Ich selbst habe zu meinen Eltern seit sechs Jahren kaum Kontakt.
Er und ich kennen so viele Menschen, bei denen das so ist.

"Niemand kümmert sich um mich. Ich bin ganz allein." Das ist es, was alte Menschen oft sagen.
"Die können mich kreuzweise, ich will nix mehr mit ihnen zu tun haben." Das sagen die jungen Leute.
Die alte Großfamilie ist längst abgelöst von "Ein-Zimmer-Wohnklos".
Kommunikation findet kaum noch statt.
Abgeschoben ins Alten (oder Kinder-)heim - die Tagesordnung.

Keine Zeit, keine Lust, kein Interesse. Keine Fähigkeit, Zuneigung und Gefühle zu zeigen. Kein Zusammenhalt, keine Loyalität. Statt dessen Zickenterror und Kleinkinderwutverhalten, Vorwürfe um von sich selbst abzulenken usw. usw.

WARUM???

Die üblichen Antworten beginnen mit der geschichtlichen Entwicklung ("alle Kriegs- und Nachkriegsgeschädigt" - im Sinne von keine Emotionen zeigen können) bis hin zu "überentwickeltem Individualismus", Verlust von Werten und Traditionen - bis hin zum entwurzelten "Glauben"...

Was ist da noch?

Die Antwort ist mit Sicherheit komplex.

An die Frage "was mit den Familien los ist" schließt sich direkt die Frage an "WARUM es sich in diese und keine andere Richtung entwickelt". Die gleiche Tendenz ist fast überall wo Menschen kommunizieren (sollten) spürbar.

Unabhängig von den Gründen ist es eine sehr traurige Entwicklung, finde ich. Das einzige, was "man" dagegen tun kann ist vor der eigenen Haustüre kehren... sofern alle Beteiligten dazu bereit sind. Also ruf ich jetzt einfach mal meine Mama an ;-)...

Was denkt Ihr?

Herzliche Grüße
kleineBlume