Die Journey

Wenn du zum Lesen ständig links und rechts scrollen mußt, dann klick hier drauf!1 - Aufbruch ins Ungewisse

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Acht Uhr, ein frischer, sonniger Bilderbuchsamstag.

Trotz späten Schlafengehens atypischerweise sofort wach gewesen. Wieso wohl...? Während des Frühstücks höre ich draußen Akbar schon ungeduldig mit den Hufen scharren. Ein letzter Check: Geld, Paß, Zahnbürste. Es ist doch noch recht frisch, ich vertrage die Lederjacke gut, Handschuhe sind nicht nötig. Etwas Choke, der Motor springt sofort an, ein paarmal sanft die Tourenzahl erhöht, die sechs Zylinder laufen noch etwas unrund aber sauber. Helm, Sonnebrille. Ein letztes Winken, im Standgas durchs Gartentor. Kurzes Warten an der Ampel um die Ecke. Grün. Langsam beginne ich es zu glauben.
Leicht weht mir die noch kühle Luft ins Gesicht, während ich gegen das Zentrum fahre. Noch zwei Ampeln, dann die breite Ausfallsstraße Richtung Süden.
Der Paß ist nicht spektakulär. Viele Kurven, ein paar zünftige Steigungen. Grenzkontrolle. Eine gute halbe Stunde ist vergangen seit dem Aufbruch. Ab nun wird es beständig abwärts gehen, bis letztlich auf Meereshöhe. Zuerst wenige Serpentinen, dann über hundert Kilometer Autobahn. Ist aber heute wunderbar! Schon ab dem ersten Meter vor dem Gartentor Freude über das Dasein, Spannung vor dem Kommenden und ein permanentes Glücksgefühl. Leider kann man während des Fahrens nicht die Hände in die Luft werfen. Zuverlässig schnurrt der Sechszylinder mit dreitausendfünfhundert Umdrehungen dahin und spendiert uns so etwa hundertvierzig Stundenkilometer.

Die Autobahn ist zwar noch nicht zu Ende, aber ich nehme eine Abkürzung übers Land nach Triest. Diese Strecke war früher die Hauptroute, heute, seit es die Autobahn gibt, ist sie ziemlich verwaist. Jedesmal wenn irgendwo ein Stück Landstraße durch eine Autobahn ersetzt wird, krampft sich etwas in mir zusammen. Sicher, praktisch ist es, man kommt schneller voran. Aber eben, das ist es ja. Schneller voran. Das ist das Problem, das wir heute haben. Doch möchte ich nicht in Gedanken versinken, sondern die Umgebung einatmen.

Das kleine Dörfchen, das stille Tal, die lange Allee aus majestätischen Linden, flankiert von Wiesen, die beidseitig in einen Hang übergehen. In diese Allee kommt man aus erhöhter Lage, sieht sie vor sich, bevor man eintaucht. In der Hälfte liegt rechts das kleine Gasthaus, in dessen Gastgarten es wohl tut, eine Pause zu machen. Nicht heute, nur ein kleiner Zwischenstop auf dem Parkplatz, der in ein paar Kilometern kommen wird.

Die Hügelkuppe, eine leichte, sehr lang gezogene Rechtskurve und der Parkplatz taucht auf. Herunterschalten, bremsen. Ständer, Helm auf den Rückspiegel, Jacke auf. Ich bin nicht allein, ein älterer Mann macht etwas weiter oben sein altes, rotes kleines Auto sauber.
So gut wie kein Verkehr, hinter dem Bergrücken ahne ich nur die Autobahn. Hier eine Grille, dort ein Vogelruf. Wohlig dehne ich mich und krame aus dem Seitenkoffer ein Brötchen heraus und eine Flasche Tee. Gleich daneben ist ein Betontisch mit einer Bank, ich lege beides hin und wandere zufrieden mampfend hin und her. Der Friede auf der doch breiten Straße holt die Gedanken an das zunehmende Muß an Geschwindigkeit unserer Zeit zurück. Wir sind uns nicht bewußt, daß wir alle daran beteiligt sind, wir schieben die Schuld dazu immer auf andere. Was für eine Illusion! Ist nicht die Lage auf unserem Planeten das Wollen von lauter Dus und ichs?

 

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Auf unserem Planeten, unserem Kontinent, unserem Land, unserer Stadt, unserer Familie. Wie im Kleinen so im Großen. Na ja, das sind ja alles keine Neuigkeiten. Aber wie meistens wird es interessant, wenn man den Faden weiterspinnt. Alles immer schneller. Hmm...

Wenn ich heute zurückblicke auf die letzten dreißig, vierzig Jahre, dann fällt auf, daß unsere Leistungsfähigkeit immer intensiver gefordert wird. Es ist in immer kürzerer Zeit immer mehr zu bewältigen. Vor zwanzig Jahren zum Beispiel mußte eine Buchhalterin nur Buchhaltung und eventuell Bilanziertechnik beherrschen. Heute ist das Selbstverständlichkeit plus der Fähigkeit, passende EDV-Programme bedienen zu können. Der Begriff Burnout in Bezug auf Menschen ist nicht besonders alt, er ist sogar so jung, daß er im Fremdwörter-Duden von 1982 lediglich im Zusammenhang mit Raketen und Kerntechnik genannt wird. Manager über fünfzig werden vom Burnout-Syndrom befallen. Ausgebrannt, ausgehöhlt, leer. Über fünfzig? Auch das war einmal. Oft brechen Frauen und Männer schon zwischen dreißig und vierzig unter der Last des Arbeitsdruckes zusammen. Der Zeitraum der Leistungsfähigkeit wir immer kürzer. Die Ausbildung dauert immer länger, das Ende der Leistungsfähigkeit rückt immer weiter nach vorne. Bald werden es nur mehr fünfzehn, nur mehr zehn Jahre sein.
Das ist an sich schon dramatisch genug, aber paradoxerweise wird diese Entwicklung von ganz anderer Seite noch heftig unterstützt.
Die Polarität ist eines der Grundprinzipien des Universums. Diesem Prinzip kommt ein Pendel nach. Menschen als Universums-Bewohner sind von diesen Prinzipien nicht ausgenommen und so neigen auch wir dazu, pendelnd unser Dasein zu fristen. Nicht, daß jeder von uns ein Esoteriker wäre, nein vielmehr in unseren Ansichten. Wir neigen dazu, die volle Bandbreite auskosten zu wollen, um (hoffentlich) irgendwann einmal in der, nicht von ungefähr als goldene, Mitte zu landen. Zwei dieser augenfälligen Trends sind die Frauen-Emanzipation und Kinder- Emanzipation. Vorbeugend möchte ich gleich vorwegschicken, daß ich weder Anhänger noch Feind von beidem wäre. Ich betrachte es vielmehr als interessante Entwicklungen mit ihren Vor- und Nachteilen. Sicher wird nun der (die?) eine oder andere schon dabei sein, einen Stein als Wurfgeschoß zu suchen. Da ich mich hier aber mit diesen Themen nur am Rande beschäftigen möchte, bitte ich, die Munition bis später aufzubewahren.
Die längste Zeit arbeitet der ältere Herr bei seinem roten Auto im Kofferraum umher. Der im Laufe des Vormittages getrunkene Tee fordert seine Rückkehr an die Freiheit und so spaziere ich in das Wäldchen oberhalb der Bank. Das Gras ist spätsommerlich dürr, die Landschaft präsentiert sich in einer Farbe, die gut zu der Hintergrundfarbe der Web-Site paßt ;-) Die Luft ist mittlerweile angenehm warm, ich entschließe mich, meine Lederjacke für die Weiterfahrt zusammenzurollen und aufs Gepäck zu schnüren.

Kinder- Emanzipation klingt zwar etwas seltsam, aber Kinderverherrlichung ist auch etwas kraß, es fällt mir dazu einfach kein passender Ausdruck ein. Das, was ich meine, liegt irgendwo dazwischen: Kinder einerseits sehr wichtig nehmen, andererseits ihnen alles zu erleichtern. Die Pendelbewegung ins andere Extrem. Als ob es nicht genügen würde, sich der Pendel-Tendenz bewußt zu werden und die passenden Schlüsse daraus zu ziehen. Will meinen: Wenn das Pendel aus dem einen Extrem kommt, dann laß es ins andere sausen, aber sich dranzuhängen ist ja deshalb nicht gleich notwendig. Wurden früher Kinder teilweise wie Gesellschafts-Aussätzige behandelt, gelten heute meist ihre Wünsche mehr als die unseres Partners, unserer Eltern oder Freunde. Niemand sieht hierin ein ebenso ungesundes Ungleichgewicht. So sehr mich dieses Thema auch beschäftigt, noch mehr drängt es mich jetzt, wieder aufzusteigen, den Wind zu spüren, die Gegend bestaunen zu können. Ja und außerdem wartet das Schiff nicht auf mich. Doch die Gedanken sind schon so in Schwung, daß sie sich nicht auf null abbremsen lassen. Burnout. Mit der heute üblichen Sitte, Kindern das Leben möglichst leicht und einfach zu machen schaden wir ihnen weit mehr, als wir ihnen damit nützen. Kraft erhält man nur durch Anstrengung. 'Zufällig fiel mir dazu neulich ein Buch in die Hand 'Fordern statt verwöhnen', in dem ein Verhaltensbiologe zu genau dem selben Schluß kommt. Bezeichnenderweise wachsen Gyms, Fitneßcenter wie die Schwammerln aus dem Boden, damit wir uns stark machen können. Aber auf unsere Kinder achten wir nicht. Wir helfen ihnen nicht, fürs kommende, sicher nicht weniger leichte, Leben zu trainieren, Konsequenz zu üben, Ausdauer und was wir alles so bitter nötig als Rüstzeug benötigen für einen Lebensweg, der sicher nicht leichter werden wird. Nein, wir lehren sie, daß die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wenn man ihn nur öffnet oder sie nur laut genug fordert. Arme Erben, denke ich, schlimm wird das Erwachen werden, wenn sie im Geschäftsleben auf ihre gleich verführten Kameraden stoßen. Und so unterstützen wir ein möglichst schnelles Ausbrennen unserer Nachkommen, da wir sie ja nie lehren, Energien zu sammeln, um die Faust im richtigen Augenblick ballen zu können.

Seltsam. Auf dem Betontisch steht eine kleine Krone. Man kann sie auch auf dem oberen Bild ganz klein erkennen. Hat sie jemand versehentlich stehen lassen? Vielleicht ist es auch gar keine Krone, ich kenn mich mit diesen Dingen nicht aus. Aber ich betrachte sie einfach als solche, als Krone der Freiheit. Oder Freiheit als Krone des Seins?

Und unter dieses Zeichen will ich die Reise setzen.

 

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Kurz nach dem Parkplatz kommt jener wunderbare Höhenrücken. Während auf der Nordseite noch typisch heimische Bewachsung vorherrscht, ist man südseitig plötzlich von den Bäumen und Büschen umgeben, die so typisch für den Süden sind. Es ist jedesmal fast wie ein Kick, wenn zwischen dem Macchie-Buschwerk Föhren herausragen und Zypressen ihre spitzen Finger zum Himmel richten. Kurz vor der Grenze nach Italien nochmals tanken, denn es ist hier erheblich billiger. Grenze, "Bon Giorno!" und schon geht es bergab gegen Triest hin. Das Meer ist bereits zu sehen, Leute, das Meer! Ziemlich lange dauert die Fahrt den Höhenrücken hinunter, immer links die Stadt, auch vorbei an der utopischen Siedlung, die an Pfahlbauten erinnert, nur mit dem Unterschied, daß in den riesigen Blocks wohl tausende Leute wohnen. Auf dem Motorrad durch eine Großstadt ist ein wunderbares Erlebnis! Wohl muß man sich in Kolonnen auch kultiviert verhalten, trotzdem ein Höchstmaß an Mobilität und vor allem bekommt man auch etwas von dem mit, was sich über einem befindet. Aber speziell in Italien, wo alles viel lockerer als in unseren Breiten zugeht, ist man mit dem Zweirädrigen sehr flink. Immer einen Blick auf Wegweiser mit "Ferry Boat" laviere ich mich durch den dichten Verkehr.

Wie durch ein kleines Wunder finde ich ohne Umschweife die Abfahrt, der Verkehr löst sich in Nichts auf, nur ein riesiger, auf den ersten Blick regloser Parkplatz. Zeit zum Absitzen, um den Blick zu genießen. Würde ein Einheimischer mein Genießen bei diesem Anblick mitbekommen, würde er vermutlich verständnislos den Kopf schütteln. Aber eben - Vorfreude, Freunde, Vorfreude!

Schließlich rolle ich langsam die restliche Rampe hinunter und fahre zwischen den Trucks durch, wie an einem Rückgrat entlang, von dem unzählige Rippen abzweigen. Vor dem Schiff steht ein Italiener in weißer Uniform und bedeutet mir, zuerst einchecken zu müssen. Also drehe ich die Runde zurück und sehe nun, daß neben dem Büffet Leute vor zwei Schaltern Schlange stehen.

Als ich Akbar hinter dem Schuppen parke, sehe ich auch drei Motorräder von Landsleuten, einer sogar aus der gleichen Stadt. Das ist auch ein schöner Nebeneffekt des Bikens: Eine gewisse Gemeinsamkeit ermöglicht über das Medium Motorrad Kontakte, die sonst nicht oder zumindest viel seltener oder schwieriger Zustande kommen.

Der Checkin dauert recht lange es erfüllt mich ein Hauch von Neid, wenn ich so die drei Biker drüben an dem Tischchen ihr Bier schlürfen sehe. Die lockeren fünfunddreißig Grad werden durch die Plastikplane über mir nicht eben gemildert. Schließlich ist es so weit und ich schlendere wieder zurück zu Akbar. Die Gemütlichkeit des Reisens hat sich schon meiner bemannt, Hektik existiert nicht mehr. Als ich eben aufsteigen will, biegen die drei, zwei Männer und eine Frau, um die Ecke und wir kommen natürlich gleich ins Gespräch. Doch es ist Zeit, unsere Eisen und uns an Bord zu bringen. Nach einem kurzen Geplauder sitzen wir auf und rollen am Kai entlang. Acht geben beim Überfahren der parallel verlaufenden Schienen, etwas ausholen und dann geht es im langsamst möglichen Tempo die Rampe aufwärts, hinein in den riesigen Bauch des Fährschiffs Lefka Ori.

Hier herinnen ist es kühler, es riecht nach Meer und Dieselöl. Griechische Matrosen weisen ein, es ist nicht viel los. Während die anderen Motorradfahrer mit ihren leichteren Maschinen schnell einen Platz gefunden habe, ist das mit Akbar etwas mühsamer. Speziell beim engen Rangieren machen sich die dreihundertdreißig Kilo zuzüglich Gepäck schon ordentlich bemerkbar. Letztlich ist es so weit. Zwischen einem Geländer rechts und zwei Metallsäulen vorne und hinten habe ich mich in die Nische gewuchtet. Kaum bin ich drinnen, als sich schon neben mir ein Truck nach hinten schiebt. Nach vorne komme ich nicht mehr heraus, da ist zwischen Lenker und Truckseite nur eine handbreit Luft. Doch nach hinten reicht der Platz gerade aus, ebenso knapp geht es dann zwischen diesem Truck und dem nächsten durch. Ein leicht beklemmendes Gefühl: Vor mir die Fahrerkabine des einen Riesen drei Meter in die Höhe, hinter mir genauso senkrecht das Heck des nächsten. Der Spalt ist eben sechzig Zentimeter breit und es flackern schon Gedanken umher, was wohl ist, wenn einer die Handbremse nicht sauber angezogen hat. Fototasche und Tankrucksack - oder besser Tankruckbeutelchen in der anderen - taste ich mich Richtung Anmeldung.

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