Die Journey

Wenn du zum Lesen ständig links und rechts scrollen mußt, dann klick hier drauf!8 - Wildes Land

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Hier sind die Nächte ruhig. Kein Verkehr neben dem Schlafsack, höchstens ein paar Hunde in der Ferne, die sich um karge Futterstücke streiten oder ihrere Einsamkeit hinausheulen. Trotzdem ist uns nach 'Faultag' zumute. Es tut gut, nur in der Sonne zu dösen, ein paar belanglose Bemerkungen auszutauschen, eine Kleinigkeit zu essen und sich den Rest der Zeit einfach des Daseins zu freuen. Im Sand zu sitzen und die wenigen Leute zubeobachten, dem Boot zuzusehen, wie es sich im Zeitlupentempo um seine Boje herumschleicht, als ob es sie belauern würde, wie eine Katze ein Mausloch. Zu bemerken, wie sich langsam der Schatten verlagert, in dessen Schutz mich die Sonnenstrahlen nicht erreichen oder ein paar Seiten in einem Buch zu lesen.

War es gestern noch ruhig, so kann uns der nächste Tag heute aber nicht mehr von der Motorrädern fernhalten. Nach eingehendem Straßenkartenstudium beschließen wir, die Westküste der Halbinsel Mani nach Norden hinauf zu erkunden, bei Kalamata rechts zur Überquerung des Taigetos-Gebirges abzubiegen, um dann, Sparta streifend, heimzukehren.

Eine schöne kurvige Strecke führt zu einem kleinen Sattel vor Areopoli, der Hauptstatt des Bezirkes. Kurz vor dem Ort jedoch zweigen wir rechts ab, bald darauf wird ein wunderbarer Ausblick auf die unter uns liegende Limeni-Bay frei. Wie auf einer blauen Riffelglasplatte kleben Schiffchen vor dem kleinen Ort. Wieder ein neues Bild, das Griechenland in seiner Vielfalt und gebirgigen Wildheit präsentiert. Winzig komme ich mir vor. Auf der drüberen Seite ist die Straße als feiner Faden erkennbar, der über die Bergflanke gelegt ist. Bald werden wir drüben sein, unseren jetzigen Standort lediglich als Strich sehen, während dort zum Greifen nahe Opuntien ihre stacheligen Früchte anbieten. Immer wieder fasziniert die Wanderung durch die Zeit, gleicht sie doch einem Lichtkegel, der jeweils nur einen Fleck des Universums für einen Augenblick erhellt, um sofort zum nächsten weiterzuwandern, die Vergangenheit im Halbdunkel der Erinnerung zurückzulassend, die Zukunft vor uns in tiefem Dunkel, mit ihren vielen unscheinbaren oder umwälzenden Überraschungen.

Nachdem wir die Bucht unten nahezu auf Meereshöhe umrundet haben, gewinnen wir auf der anderen Seite wieder schnell an Höhe, um uns dann in lockerer Weise nach Norden zu schlängeln, die Straße schmal, von Mäuerchen gesäumt.Hie und da kleine Abstecher hinunter zur Küste, um uns so die Orte Porto Gatea, Trachila und Aghios Nikolaos anzusehen, und schließlich in Stoupa mit Ausblick auf den Strand zu Mittag zu essen. Es ist heiß, wir suchen einen Schattenplatz für unsere Reittiere, um nicht danach von den Ledersätteln gebraten zu werden. In Stoupa gibt es zwei Strände, erfahre ich später: Einen, den Touristenstrand, das ist der, an dem wir hier sitzen und noch einer, das ist der In-Strand der jungen Leute von hier. Kleiner aber nichts weniger als intim liegt er im Norden des Dorfes. Fast während der ganzen Zeit, die wir hier sitzen und essen steht unten ein alter Mann im neben einem Ruderboot Wasser und wäscht sich. Unermüdlich fahren seine Hände über seinen Leib, seine Arme und Beine, seine Schultern und, so weit er kommt, über seinen Rücken. Er strahlt Verlorenheit und Einsamkeit aus, was sehr im Kontrast zu der bunten, warmen Lebendigkeit des Tages steht. Als ich gegen Ende des Essens wieder zu ihm hinunterblicke, ist er plötzlich verschwunden.

Die Strecke weiter nach Norden hinauf bietet viel an Aussicht und schöner Motorrad-Straße. Nach Kardamili schneidet sie die Landzunge ab, muß sich dadurch ins Gebirge hinaufwinden. Neuer griffiger Asphalt macht das Fahren zum Vergnügen.
Kalamata ist eine der größten Städte Griechenlands, industrieorientiert und jetzt im Spätsommer brütend heiß, sodaß wir froh sind, sie gebirgswärts verlassen zu können. Danach verläuft es in vielen Kurven durch ein Tal, Michael und ich drehen ein Stück weit auf und wedeln durch die Kurven. Später fahren wir wieder langsamer und Robert der Genießer holt uns ein.
In Artemisia, einem kleinen Ort an der Straße, sitzen wie üblich ein paar Männer heraußen im Schatten einer riesigen Platane, trinken ihren Kaffee und diskutieren. Wir bleiben stehen, um unseren Wasservorrat aus dem wie überalöl vorhandenen Kühlschrank zu ergänzen. Es könnte keine bessere Werbung für die allgegenwärtigen blauen Mineralwasserflaschen geben, als die herrschende Hitze und die kleinen Tauperlen auf den Flaschen, kurz nachdem man sie aus dem Kühlschrank genommen hat.
Öfters habe ich heute schon etwas traurig daran gedacht, wie schön es wäre, wenn Alice an dieser Fahrt mit dabei gewesen wäre. Auch der gestrige Faultag - gemeinsam etwas essen, den Strand erforschen, weitere anheimelnde Gemeinsamkeiten oder neugierig machende Gegensätze entdecken... Aber ich schiebe das alles schnell beiseite und versuche, mich heftig zu freuen, hier zu sein. Auch der halbe Liter des gut schmeckenden griechischen Mineralwassers 'Samaria' gibt sich alle Mühe, die finsteren Gedanken zu verscheuchen. Zwar tut das Wasser ungeheuer gut aber ich beginne auch sofort zu schwitzen. Bald sitzen wir wieder auf. Einmal noch machen wir Rast unter einer Gruppe von Korkeichen, dann überqueren wir das Gebirge und gelangen so in eine Höhe von doch rund 1400 Metern. Das macht sich auch in der Temperatur angenehm bemerkbar, ich nehme gern in Kauf, daß mir ohne Jacke beinahe ein wenig zu kühl ist. Eine etwas deprimierende Aussicht bieten allerdings die vielen Quadratkilometer verbrannten Waldes, ein schlimmer Brand muß hier getobt haben. Bis zum Horizont ragen nur schwarze Finger als Überreste ehemaliger Büsche und Bäume empor in das fast weiße Firmament.

Himmelhoch türmen sich die gewaltigen Felsmassen rundum, der Eindruck wird noch verstärkt durch die enge Schlucht, durch die es auf der Ostseite talwärts geht. Auf einem geräumigen Parkplatz halten wir, ehrfürchtig zu dem Gebirge aufschauend. Wie so oft finde ich es schade, daß das Weitwinkel-Objektiv alles, das einen vor Ort sprachlos werden läßt, zu einem unspektakulären und flachen Bild schrumpft. Die Strecke ist wunderbar zu fahren, der Asphalt recht gut, es macht Spaß, wieder einmal Schräglage zu genießen. Robert meint allerdings, daß er einmal leicht gerutscht wäre. Vielleicht liegt es daran, daß die Gummimischung seiner eher geländeorientierten Reifen etwas härter ist.

 

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Auf dem Weg zum Campingplatz hatten wir ein unscheinbares Lokal gesehen, so gar nicht touristisch einladend, kein wichtiges Schild, keine schönen Stühle, sondern alles nur sehr einfach, sogar etwas ärmlich anmutend. Dorthin entschlossen wir uns, Abendessen zu gehen. Eine ziemlich runde ältere Frau fragt uns nach den Getränkewünschen, sie spricht gebrochen deutsch. Anschließend sollen wir mitkommen, um in der Vitrine auszusuchen, was wir essen wollen. Wie schön, so gibt es das also doch noch! Es steht nur eine kleine Auswahl zur Verfügung, dabei ist auch Bohneneintopf, was mich sehr begeistert. Robert und Michael entscheiden sich für Souflaki. Wie in den meisten Lokalen huschen einige scheue Katzen um die Tische, in der Hoffnung ein paar Bissen abzubekommen. Streicheln lassen sie sich nicht, auch wenn sich das Mädchen vom Nachbartisch noch so geduldig und vorsichtig darum bemüht.

"Das war wieder eine wunderschöne Tour " Freut sich Robert, nachdem er den ersten Schluck Bier genommen hat. Mythos gibt es hier nicht, denn, so erklärt uns der Wirt, sie haben Streit mit dem Mythos-Vertreter. Ja, die Tour hat uns auch sehr gut gefallen! Die wunderbare Küstenstrecke und dann die beeindruckende Überquerung des Taigetos.
Schräg vis a vis sitzt ein älteres Paar, die sich aber nicht so verhalten, als ob sie schon dreißig Jahre verheiratet wären.
"Wie lange bist du eigentlich schon verheiratet?" frage ich Robert.
"So an die zehn Jahre, würd ich sagen".
"Wie ich mitbekommen habe, geht ihr, also du und Sabine, recht unterschiedliche Wege, hab ich das recht bemerkt?"
"Ja, das stimmt schon. Ihre Interessen sind teilweise ziemlich verschieden von meinen. Aber ich finde das gut. Einerseits haben wir zu Vielem ähnliche Ansichten, andererseits verschiedene Interessen. Wir leben sogar teilweise ein recht unterschiedliches Leben."
"Lebt ihr euch da nicht auseinander?"
"Ganz im Gegenteil! Es kehrt dadurch weniger Gewohnheit ein, weil es bei uns den üblichen Alltag praktisch nicht gibt. Wir sehen uns auch nicht sehr häufig, weil wir unterschiedliche Arbeitszeiten haben. Und wenn wir uns sehen, dann können wir uns immer jede Menge erzählen, was der andere inzwischen erlebt hat."
"Manche haben ja sogar getrennte Schlafzimmer. Wie findest du das?"
"Gut. Haben wir auch. In meiner ersten Ehe ist es so gelaufen wie meistens: Grundlage mußten möglichst gleiche Interessen sein. Dann zusammengezogen, alles gemeinsam gemacht. Und auch sonst das Übliche: Gemeinsames Schlafzimmer, gleiches Wohnzimmer, natürlich eine Küche, ein Bad - da gibts doch überhaupt keinen einzigen Platz, wo man für sich allein sein kann!
Ist letztlich auch nicht übertrieben lange gut gegangen, nach acht Jahren haben wir uns dann getrennt."
"Und jetzt ist alles anders?"
"Alles nicht, aber doch manches. Wir haben zum Beispiel auch jeder sein Zimmer. So kann der eine lesen, wenn er möchte und der andere schlafen. Oder Sabine kann sich zurückziehen und wenn sie überhaupt Ruhe haben möchte, dann kommt ein Schild aus einem Hotel an die Türschnalle: 'Do not disturb'."
"Und dann stört auch wirklich niemand?" zweifle ich.
"Niemand. Das ist ein Gesetz bei uns zuhause. Jeder von uns hat sein Zimmer. Wir würden dafür sogar auf ein Wohnzimmer verzichten aber das müssen wir zum Glück nicht. Wer dort ist, der möchte auch Kontakt haben. Wenn wir mal fernsehen, dann tun wir es da und gemeinsamer Besuch findet auch dort statt."

Interessant. Genau das hat mich früher auch immer gestört, nie den Freiraum zu haben, sich zurückziehen zu können. Zumal seinerzeit meine Frau ein sehr häuslicher Typ und dadurch immer zu Hause war. Für sie war es ja annehmbarer, weil ich oft verreiste. Aber die Idee, für jeden ein eigenes Zimmer einzurichten und schon überhaupt: Kein gemeinsames Schlafzimmer! Das kam mir nicht nur nicht in den Sinn, nein, wenn es mir eingfallen wäre, hätte ich es sicher sofort als beziehungstötend abgetan. Denn - möchte man nicht beisammen sein? Die Nähe des anderen spüren? Den anderen so oft wie möglich sehen können? Und dann getrennte Zimmer?
"Wie bist du bzw. seid ihr auf die Idee gekommen?"
"In meiner ersten Ehe", antwortet Robert, "haben wir es 'klassisch' gemacht. Du kennst das ja: Alles gemeinsam vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Es war einige Zeit ganz gut, wie es ja meistens ist. Aber dann begannen wir uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Keiner weiß warum. Das steigerte sich im Lauf der Jahre, bis die Ehe zerbröselte. Nicht lange danach bin ich mit einem Freund beisammen gesessen, der mir erzählte, daß seine damalige Freundin massiv darauf bestanden hat, alles zu trennen. Das war damals, du weißt ja, in der Emanzipationszeit, als Reinhard Mey sein Lied 'Anabelle, ach Anabelle...' geschrieben hat und Alice Schwarzer in aller Munde war. Er war ganz verschossen in sie, deshalb hat er es akzeptiert. Und siehe da, die Beziehung ist viel länger gut gegangen, als wir alle angenommen hatten."
"Und jetzt?"
"Wie meinst du?"
"Sind sie noch beisammen?"
"Nein."
"Scheint also doch kein Allheilmittel zu sein."
"Natürlich nicht. Sie war einfach ein Typ, die absolut nicht zurückstecken konnte und die Emanzipation voll überzogen hat. Und er, naja, ist auch nicht gerade ein Kirchenlicht."
"Und von ihm hast du dann die Idee übernommen?"
"Nicht so direkt. Sabine hab ich erst später kennengelernt. Wir waren damals beide vorher einige Zeit alleine gewesen und so war es schon eine große Umstellung, wieder auf jemandem eingehen zu müssen. Als wir dann zusammengezogen sind, ist mir das Gespräch mit Ralf wieder in den Sinn gekommen. Dann haben wir es mal so versucht und es hat sich sehr gut bewährt!"

Mittlerweile war das Essen gekommen, das Bohnengemüse ein Gedicht. So einfach es hier ist, man fühlt sich zu Hause, es ist eine familiäre Atmosphäre. Während ich die Kartoffeln zerteile und dem Gemüse einen hohen Teil meiner Aufmerksamkeit zukommen lasse, ist der verbleibende Teil der Gedanken bei dem eben Gesprochenen.
"Kommst du dir da nicht manchmal irgendwie allein vor, zum Beispiel beim Schlafen?" knüpfte ich nochmals an.
"Nein, gar nicht," lacht Robert, "jeder von uns hat ein wunderbares französisches Bett und es ist nicht selten, daß sie bei mir oder ich bei ihr übernachte. Nein, ganz im Gegenteil! Wir finden es toll, wenn mal der eine, mal der andere unerwartet Kuscheln kommt."
Damit ist das Thema vorerst beendet. Insgeheim suche ich nach Argumenten, die für die klassische Wohnordnung sprechen, aber ich kann keines finden. Es ist einfach so, daß wir es so gewohnt sind und daher schon gar nicht auf die dee kommen, es anders aufzuzäumen. Wenn jemand andere Gedanken aufwirft, sind wir perplex und lehnen sie von vorne herein ab, ohne genauer darüber nachzudenken.
Ohne es zu wollen gleiten die Gedanken zu Alice. Mit ihr beisammen zu sein und dann verschiedene Zimmer? Entsetzlich! Undenkbar! Oder...? Jeden Tag die Möglichkeit einer Überraschung? Klingt auch nicht so schlecht. Aber das ist jetzt wirklich nicht Thema. Ich schnappe meine Gedanken und lenke sie wieder den Bohnen, Kartoffeln und dem Bier zu. Und natürlich, vor allem, Robert und Michael. Die heutige Fahrt hat uns doch wiederum etwas müde gemacht. So wird es nicht allzu spät, bis wir, nicht mehr sonderlich interessiert, unsere Bikes besteigen und zum Campingplatz hinüberrollen.

 

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Schon gestern haben wir uns vorgenommen, uns heute ein 'offizielles' und feines Frühstück zu genehmigen. Das gestrige war nicht so gemütlich. Während uns in Drepano von der alten Dame des Campingplatzes ein Tischchen und drei Stühle geliehen worden waren, saßen wir hier auf den Civi-Koffern von Robert und Michael. Nachdem Michael plötzlich nach einem dumpfen 'Blop' zehn Zentimeter tiefer gesessen hatte, war der klägliche Rest an Komfort auch noch den Bach hinunter. Heute ist also angesagt: Frühstück in Githio.

Zur Verfügung steht eine schier endlose Reihe an Cafés und Tavernen, aufgefädelt vom Ortseingang, den Hafen entlang bis fast zum anderen Ende. Die Qual der Wahl wird ein wenig dadurch erleichtert, als nicht bei allen Lokalen ein Kellner zu sehen ist. Nach kurzen Speisekartenstudium geht die Entscheidung zugunsten Omlettes aus. Mit Pilzen und mit Käse. Dazu Weißbrot, Orangensaft und Kaffee. So läßt sichs leben!
Zwischen dem Lokal und uns verläuft die Straße, gleich neben uns, knapp zwei Meter unter mir schwappt das Meer an die Hafenmauer. Autos fahren vorbei, ein Bus, viele Mopeds.
Ein schabendes Geräusch auf der Straße läßt mich den Kopf wenden. Ich traue meinen Augen nicht: Auf einem dieser Enduro-Mopeds prescht ein Grieche vorbei, unter dem linken Arm ein riesiges Bündel von rund fünf Meter langen Installationsrohren aus PVC hinter sich herschleppend. Drüben bei der Kurve schwingen sie in einem großen Bogen nach außen, was ihn aber völlig kalt läßt. Er tut das offenbar nicht zum ersten Mal. Eindeutig, wir in Mitteleuropa nehmen wirklich vieles viel zu ernst! Trotzdem würde ich gerne sehen, wie die Rohre aussehen, wenn sie auf der Baustelle angelangt sind.
Auf der anderen Straßenseite geht die Hoteltür auf und ein Mann in schwarzen Lederhosen erscheint. Wohlgemerkt: Er erscheint. Mangels applaudierenden Publikums geht er zu der direkt vor dem Hotel parkenden schwarzen BMW K 1200 LT, BMWs Möchtegern-Konkurrenten der Goldwing. Aus dem Seitenkoffer nimmt er ein makellos weißes Tüchlein und beginnt imaginäre Staubpartikel von dem ebenso makellosen schwarzen Lack zu entfernen. Vielleicht ist ihm langweilig, vielleicht möchte er auch nur betonen, daß er und das Moped zusammengehören. Nach einer guten Viertelstunde lässigen Staubwedelns enttritt dem Hotel seine Sozia, völlig gleich gestylt wie er, ebenfalls mit Helm-Sprechanlage, bereit zum annoppeln. Er steigt auf, rammt seine Beine in den Asphalt, um seiner Dame - eigentlich bin ich mir gar nicht mehr sicher obs eine ist - einen stabilen Aufstieg zu ermöglichen. Alles sehr elegant, exklusiv, cool, inklusive des kaum hörbaren Von-dannen-rauschens. Schön! Laufsteg pur zum Frühstück, das hat nicht jeder.

Die Omeletten sind in der Zwischenzeit aufgegessen, der Kellner läßt sich freiwillig nicht blicken. Robert findet ihn hinter dem Tresen und kann ihn dazu bewegen, kassieren zu kommen. Für heute ist nochmals Kosmas geplant, der wunderbare Märchenort in der Einöde, eine Fahrt durchs Hinterland und abschließend Mystras. Die Hondas springen auf der Stelle an und wir verlassen in Konvoi Githio in Richtung Osten.

Gleichmäßig steigt die Straße an, in großzügigen Kurven geht es hinauf ins Hochland. Den Reiz hat der Ort natürlich nicht mehr wie beim erstenmal, als der betriebsame Dorfplatz urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Aber trotzdem ist die Atmosphäre wunderschön! In der großen Kirche am Dorfplatz ist dicke Luft vor lauter Weihrauch. Aus der Bäckerei vis a vis duftet es verführerisch und ein kleiner Besuch derselben ist schon fix reserviert. Schließlich setzen wir und an der Ostseite des Platzes an ein Tischchen des Cafés und bestellen etwas Kühles. Außer Robert, der trinkt natürlich wieder seinen obligaten griechischen Kaffee. Trotz geplantem Bäckereibesuchs kann ich es mir nicht verkneifen, zu meinem Orangensaft auch ein Stück Gebäck zu essen, eines jener vor Fett und Honig triefenden Stückchen, die es mitunter in großer Auswahl gibt, wobei, trotz unterschiedlicher Optik oft der Geschmack recht ähnlich ist: Schlichtweg süß.

Nach diesem erfrischenden Aufenthalt verlassen wir Kosmas wieder in der Richtung, aus der wir gekommen sind, um gleich darauf rechts abzubiegen. Nun beginnt ein Ritt durch absolute Wildnis. Nach etwa fünfzehn Kilometern ist der Asphalt zu Ende und geht in eine Naturstraße über. Zu Beginn noch recht manierlich, nimmt mit zunehmender Entfernung von der Zivilisation ihre Qualität ab. Zu sehen gibt es auch nicht viel, da, so weit das Auge reicht, nur kleinere Täler zu sehen sind, meist verdeckt durch die Bäume am Straßenrand. Der Weg windet sich ständig an irgendeiner Bergflanke entlang. Immer wieder schnappt der Ständer hart gegen den Rahmen, wenn ich ein Schlagloch zu schnell nehme. Der Straßenzustand wird Immer schlechter und zu allem Überfluß liegt immer häufiger grober Schotter. Schließlich beginnt es auch noch bergauf zu gehen. Wiewohl Akbar bei einigermaßen gutem Untergrund ein wunderbares Gefährt ist, so anstrengend wird es, je schlechter der Weg wird. Zwar gewährleisten die breiten Reifen durchaus gute Seitenstabilität, das ändert aber nichts an den gut vierhundert Kilo Gesamtgewicht. Schließlich kommt in der Steigung eine scharfe Rechtskurve, durch den mittlerweile manchmal fast zehn Zentimeter dicken Schotter muß ich das Tempo bis zu Schrittgeschwindigkeit reduzieren. Das bringt mich in die einzige Situation, die ich mit Akbar nicht mag: Loser Untergrund, ungenügende Geschwindigkeit und Steigung. Durch das hohe Gewicht ist es nicht möglich, ein Wegrutschen mit dem Fuß auszugleichen, denn wehe der Fuß rutscht auch, dann hat man kaum mehr eine Chance, das Gefährt aufrecht zu halten. Die niedrige Geschwindigkeit verringert die Stabilität, ich kann also nur hoffen, daß das Vorderrad brav in der Spur bleibt und nicht auf dumme Gedanken kommt. Ich gebe ein wenig Gas, um hinten ganz leicht zu driften und so die Kurve leichter hinter mich zu bringen, doch kaum habe ich sie hinter mir, beginnt sich das Hinterrad einzugraben. Ich möchte nicht eben sagen, daß mir Schweißperlen auf der Stirne stehen - was auch der Hitze durchaus angemessen wäre und nicht auffiele - aber wohl ist mir in meiner Haut momentan nicht. Ich muß stehen bleiben. Ob es mir gelingt, aus dem Loch herauszukommen? Langsam loszueiern nützt nichts, denn dadurch habe ich ungenügende Stabilität auf dem Vorderrad. Es heißt also, ein wenig Glück zu haben. Drei-, viermal wippe ich vor und zurück, gebe dann mehr Gas und hoffe, daß sich Akbar aus dem Loch befreien kann. Er gräbt sich aber nur noch tiefer ein, der Schotter ist hier fast fünfzehn Zentimeter tief und die einzelnen Steine haben manchmal die Größe einer Zitrone. Nochmals das gleiche Spiel. Wippen, wippen, wobei es auch nicht allzu weit geht, da ich sonst den Stand verliere. Dreimal, viermal, fünfmal, geht es jetzt?!? Ganz zurück und dann Gas, Steine werden rückwärts hinausgeschossen und ich höre sie an den Rahmen schlagen. Schlingernd befreit sich Akbar aus der Umklammerung des Schotters und gewinnt an Fahrt. Tanzend schraubt er sich durch den losen Untergrund, nach ein paarhundert Metern wird es etwas flacher und das Geröll ist auch nicht mehr so tief.

Ich atme tief durch. Dies ist keine schlecht beschilderte Straße, es ist ein gut beschildertes Bachbett. Ich hoffe, daß wir das Schlimmste hinter uns haben, denn viel Extremeres ist nicht mehr drin. Nach einigen Kilometern scheint der höchste Punkt erreicht zu sein. Nun geht es abwärts und auch der Zustand des Weges ändert sich. Es ist nun nicht mehr Geröll, sondern Sand. Im Prinzip ist mir der zwar etwas lieber, aber auch hier verschleiert allzu viel das Orientierungsvermögen des Vorderrades. Aber es geht doch zügig weiter, wir fahren in größerem Abstand, da jeder eine ordentliche Staubfahne hinter sich herzieht. Ein paar Serpentinen bergab, ein paar Sandgeraden, eine Linkskurve und dann sehe ich vorne eine feuchte Stelle. Daneben kommt frisches Wasser aus einem Rohr im Hang. Auch noch ein Schatten spendender Baum, was begehrt das Herz mehr! Das Wasser ist in Griechenland meist ausgezeichnet, speziell aus solchen Quellen. Gleich sind die anderen auch da und wir stehen herum und unterhalten uns über die gefahrene Strecke.
"Wie ging es euch denn so?" frage ich die beiden.
"Meine hüpft dem kleinsten Steinchen nach" beschwert sich Michael. Als ich Robert anblicke, meint er nur lakonisch: "Was schaust du mich an? Ich hab keine Probleme..." Kein Wunder, die Transalp ist natürlich für dieses Gelände das mit Abstand beste Gerät. Als ich um Akbar herumgehe, höhre ich ein knirschendes Geräusch. Es nützt nichts mehr, daß ich schnell den Fuß hebe, die Sonnenbrille ist eindeutig hinüber. Das ist insoferne ärgerlich, als sie sehr flache Bügel hat, die unter dem Helm kaum stören. Wieder einmal ist es mir ergangen wie schon oft: Ich hatte die Brille auf den Sattel gelegt, von wo sie ein Windstoß hinuntergeweht hatte. Gesehen hatte ich es zwar, auch hatte mein inneres Stimmchen gar nicht einmal wenig eindringlich gesagt 'heb sie auf!', aber ich dachte mir 'ach, die heb ich dann auf, wenn ich ohnehin auf der anderen Seite bin, um Wasser in die Flaschen zu füllen.' Nur war ich abgelenkt worden und nun - werde ich es mir hoffentlich merken und es das nächstemal sofort machen, anstatt es aus Bequemlichkeit aufzuschieben.

Nach einer Pause sitzen wir wieder auf und fahren weiter. Laut Karte kann es nicht mehr weit sein bis zur asphaltierten Straße. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel in dem kleinen Tal links schräg über mir Bewegung und fast gleichzeitig höre ich geiferndes Bellen. Das Tal mündet in rund hundert Metern in die Straße, auf der ich fahre. In beängstigendem Tempo brechen zwei Hunde aus dem Gebüch und preschen das Tal herunter. Ich gebe ordentlich Gas, denn auf eine Begegnung habe ich keine große Lust. Ich sehe von ihnen nicht viel, aber das, was ich sehe, genügt voll auf: struppiges flachsfarbenes Fell, hochgezogene Lefzen und so überhaupt nicht hofhündische riesige spitze Eckzähne. Als ich die Reißer sehe, drehe ich nochmal am Gasgriff, Akbar begrieft sofort, was zu tun ist, die zwei Viecher erreichen die Straße vielleicht fünf Meter hinter mir, laufen ein Stück nach, geben es aber dann doch willd bellend auf. Zum Glück ist die Straße hier recht gut. Die Hunde sind so auf mich konzentriert, daß sie Robert und Michael gar nicht haben kommen hören. Die fahren trotz des Staubes ziemlich eng hintereinander, Michael hupt und schreit, kurz bevor sie die Hunde erreichen. Die Überraschung gelingt, die Hunde springen erschrocken beiseite. Als sie allerdings die Täuschung bemerken, rennen sie den beiden noch ein ganzes Stück hinterher.
Summa summarum habe ich keinen Bock, diese Strecke jemals mit Akbar zu wiederholen.

Die Karte droht zwar noch ein Schotterstück an, sie stellt sich aber als harmlos heraus. Bald erreichen wir Sparta, so wie jede größere griechische Stadt staubig, heiß, uninteressant. Die Zufahrt nach Mystras ist gut beschildert, bald rollen wir den Burgberg hinauf und parken vor dem Osteingang. Am Tor bezahlen wir Eintritt und sehen auch, daß in einer knappen Stunde geschlossen wir. Schade, denn in dieser Zeit ist es unmöglich, die ganze Ruinenstadt zu durchstreifen. So haste ich unzählige Stufen hinauf. Die späte Stunde hat aber auch einen Vorteil: es ist ein gutes Licht, das weich und warm die etwas mystische Stimmung unterstreicht. Allerdings ist es noch recht heiß, die Steine haben die Temperaturen des tages brav gespeichert, um sie jetzt bereitwillig abzugeben.

Der Ausblick über das Land ist wunderschön. Man sieht weit über Sparta hinweg auf das Parnonas-Gebirge, in dem wir die Erlebnisse der letzten Stunden hatten. Touristen schlendern umher und nichts erinnert nur im Geringsten an die dramatischen Augenblicke der nahen Vergangenheit. Man sollte sich hier genug Zeit nehmen können, denn nicht nur die äußeren An- und Aussichten sind beeindruckend, hinter den Fassaden wäre auch genug Sehenswertes. Als ich am Nordtor vorbeigehend weiter aufwärts möchte, bedeuten mir zwei jüngere Griechinnen, die dort offenbar den Eintritt kassieren, daß ich umkehren solle. Auch als ich ihnen entgegne, daß ich wohl das, wozu ich zwanzig Minuten herauf benötigt hätte, leicht in einer halben Stunde schaffen könne, lassen sie nicht locker. Ich gehe trotzdem noch ein wenig weiter, sehe aber, daß ich in der verbleibenden Zeit nicht die Möglichkeit habe, noch nennenswert weiter zu kommen, schon gar nicht hinauf in die 'Stadt der Reichen'.

Es lohnt sich, einen Blick auf die Geschichte dieses einst bedeutenden und heute noch schönen Ortes zu werfen, man versteht dadurch, woher die Atmosphäre kommt, die auch heute noch aus den Mauern atmet:

Mystras ist ein wunderschönes und auch bedeutendes Beispiel einer byzantinischen Stadt aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Seine Geschichte beginnt mit dem Bau eines Kastells auf dem Hügel Mysithra. 1249 - nach dem 4. Kreuzzug - baute dann der fränkische Fürst Guillaume II. Villehardouin auf dem westlich von Sparta liegenden Berg eine fast uneinnehmbare Burg, um die südöstliche Peloponnes zu kontrollieren. Aber bereits zehn Jahre Später gelang es den Byzantinern, die zur Rückeroberung ihres Reiches aufgebrochen waren, Guillaume gefangen zu nehmen. Als Lösegeld forderten und bekamen sie neben Monemvasia und anderem auch Mystras von Kaiser Michael Palaiologos. Die Bevölkerung verließ die ungeschützte Stadt in der Ebene und siedelte sich am Hügel unter der Burg an, bildeten so die heutige 'Untere Stadt'. Damals stieg Mystras zur Metropole der Peloponnes auf. Die wirtschaftliche Grundlage bildete die Seide, von der Zucht der Seidenraupen bis zur Seidenherstellung selbst. Als schließlich Mystras 1368 zum Sitz eines 'Despoten' erwählt wurde, dessen Dynastie dem Kaiserhaus nahestand, begann, Ende des 14. Jahrhunderts, seine Glanzzeit. Philosophen und Künstler wurden angezogen und so wurde Mystras auch ein kulturelles Zentrum. Aber selten ist etwas von Dauer. Nachdem die Osmanen Konstantinopel erobert hatten, fiel 1460 Mystras ihnen somit auch in die Hände. Es blieb zwar noch bis in die Mitte des 19. Jh. bewohnt, aber die Einwohnerzahlen gingen schnell zurück. Waren es um 1800 noch 42.000, so ging die Zahl bis 1800 auf 16.000 zurück. 1687 eroberten Venezianer das Gebiet. Im 18. Jh. gab es noch Kriege mit den Albanern. Als 1834 Otto von Bayern Sparta wiederaufbaute, wurde Mystras bedeutungslos. Heute leben lediglich noch ein paar Nonnen im Pandanassa-Kloster.

Recht gemütlich begebe ich mich hinunter zum Ausgang, wundere mich allerdings doch, wie weit es ist. Offenbar hatte mich die Begeisterung ordentlich angespornt, sodaß ich wie eine Bergziege zum Gipfel gestürmt war, was leider - oder zum Glück? - durch die Wächterinnen herb unterbrochen worden war. Huldvoll nickt mir der Mann am Einlaß entgegen und ich schlendere draußen zu Akbar hinüber. Keine Spur von Michael und Robert. Etwas weiter unten steht ein Wagen, in dem man Getränke und Kleinigkeiten zu Essen kaufen kann. Ich nütze die Gelegenheit, trinke, gemütlich auf der Mauer zum Tal sitzend etwas Frisches, beobachte den immer dünner werdenden Strom an Leuten, die aus der Pforte kommen. Auch nach einer halben Stunde noch kein Anzeichen von den beiden, ich bin am Sprung, zum Tor hinüberzugehen, sollte der Wärter anstalten machen, es zuzusperren. Als ich nach einer knappen Stunde wieder einmal zu dem Kiosk-Wagen hinuntersehe, entdecke ich am unteren Ende der Straße Robert und Michael, wie sie zügigen Schrittes daherwandern. Auf meinen fragenden Blick erzählen sie, daß die nämlichen Wächterinnen, die mir den weiteren Aufstieg verwehren wollten, sie nicht mehr zu dem Osttor hinunterließen, sondern ihnen geboten bei ihrem Tor die Anlage zu verlassen. So mußten sie den halben Berg umwandern... Was für ein Tag! Ich liebe Abenteuer-Urlaub!

So sind auch heute wieder alle rechtschaffen müde. Hunger haben wir noch, also besuchen wir wieder Marias Beisl, auch heute schmeckt es wunderbar.

 

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